Shut your eyes and see – Zeit und Raum in Bild und Ton

Mit diesem Text lade ich Sie ein, Landschaften sowohl visuell als auch akustisch zu erleben. Mein Ziel ist es, die zeitliche und räumliche Dimension von Bild und Ton greifbar zu machen und ein besseres Verständnis dafür zu fördern. Anhand von Beispielen, die jeweils in Bild und Ton aufgenommen wurden, möchte ich die Unterschiede zwischen den beiden Medien spürbar und erfahrbar machen. (i)

Beginnen wir aber mit einem Spaziergang an den Strand und einem Blick in die Weltliteratur. Versuchen Sie sich, einen Moment auf diesen Text einzulassen – eine deutsche Übersetzung gibt es in der Fußnote:

„Ineluctable modality of the visible: at least that if no more, thought through my eyes. Signatures of all things I am here to read, seaspawn and seawrack, the nearing tide, that rusty boot. Snotgreen, bluesilver, rust: coloured signs. Limits of the diaphane. But he adds: in bodies. Then he was aware of them bodies before of them coloured. How? By knocking his sconce against them, sure. Go easy. Bald he was and a millionaire, maestro di color che sanno. Limit of the diaphane in. Why in? Diaphane, adiaphane. If you can put your five fingers through it it is a gate, if not a door. Shut your eyes and see. Stephen closed his eyes to hear his boots crush crackling wrack and shells. You are walking through it howsomever. I am, a stride at a time. A very short space of time through very short times of space. Five, six: the Nacheinander. Exactly: and that is the ineluctable modality of the audible. Open your eyes. No. Jesus! If I fell over a cliff that beetles o’er his base, fell through the Nebeneinander ineluctably! I am getting on nicely in the dark. My ash sword hangs at my side. Tap with it: they do. My two feet in his boots are at the ends of his legs, nebeneinander. Sounds solid: made by the mallet of Los demiurgos. Am I walking into eternity along Sandymount strand? Crush, crack, crick, crick. Wild sea money. Dominie Deasy kens them a’.

Won’t you come to Sandymount,
Madeline the mare?

Rhythm begins, you see. I hear. A catalectic tetrameter of iambs marching. No, agallop: deline the mare. Open your eyes now. I will. One moment. Has all vanished since? If I open and am for ever in the black adiaphane. Basta! I will see if I can see. See now. There all the time without you: and ever shall be, world without end.“

(James Joyce: „Ulysses“, Chapter 3) (i)

In diesem Text meditiert Joyce’ Protagonist Stephen Dedalus über die Natur unserer Wahrnehmung und Erkenntnis. Ich habe ihn als Einstimmung gewählt, weil er – wie ich finde – auf unfassbar rätselhafte und schöne Weise dazu anregt, über die Natur unserer Sinneserfahrungen – und unseres Denkens – nachzudenken.

Eine Interpretation, die der Tiefe und den zahlreichen Verweisen dieses Textes gerecht werden könnte, kann ich hier jedoch nicht liefern. (i)

Joyce verweist in dieser Passage offenbar auf Aristoteles’ Theorie der Wahrnehmung. Besonders interessant ist seine Gegenüberstellung zweier Strukturierungsformen: „Nebeneinander“ und „Nacheinander“. Bemerkenswerterweise verwendet er diese deutschen Begriffe sogar im englischen Originaltext. Damit spielt er offenbar auf die Unterscheidung zwischen Bildender Kunst und Poesie an, die Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) in seinem Werk Laokoon vornimmt. (i)

Überträgt man dieses Muster auf die Sinneswahrnehmung, ergibt sich eine interessante Parallele:

  • Sehsinn (Nebeneinander): Das Auge nimmt Informationen gleichzeitig im Raum auf – ein Bild oder eine Szene wird mit einem einzigen Blick erfasst.
  • Hörsinn (Nacheinander): Das Ohr verarbeitet Töne sequenziell, wodurch Melodien und Sprache als Abfolge von Tonimpulsen wahrgenommen werden.

Diese Unterscheidung wird durch die Physiologie der Sinnesorgane gestützt: Während das Auge verschiedene Bereiche des Gesichtsfeldes gleichzeitig erfasst, registriert das Ohr feine zeitliche Unterschiede. In diesem Artikel möchte ich diese auf den ersten Blick selbstverständlichen Zusammenhänge an ein paar Beispielen erforschen. Ich werde zu verschiedenen Szenen jeweils ein Foto und eine Tonaufnahme präsentieren, die gleichzeitig aufgenommen wurden. Die Tonaufnahmen haben eine Dauer von mehreren Minuten. Fühlen Sie sich jedoch nicht verpflichtet, alle Aufnahmen in voller Länge anzuhören – insbesondere, wenn Sie zunächst diesen Text lesen möchten. Wer möchte, kann die Aufnahmen – besonders die mit Naturgeräuschen – als Einladung zur Entspannung nutzen.

Optische und akustische Bilder

Seit vielen Jahren ist eine Kamera mein ständiger Begleiter. Besonders die Landschaftsfotografie fasziniert mich. Oft konzentriere ich mich projektbezogen auf eine bestimmte Landschaft oder Region, um sie zu verschiedenen Jahres- oder Tageszeiten zu fotografieren. Dabei habe ich häufig bereits konkrete Bilder im Kopf, die ich realisieren möchte – es gilt nur noch, die richtigen Bedingungen abzupassen und entsprechend zu planen.

Eine wiederkehrende Herausforderung tritt auf, wenn ich einen Ort fotografisch „porträtieren“ möchte: Oft ist das Bildfeld der Kamera vor Ort mit zu vielen Elementen überladen. Besonders mit Weitwinkelobjektiven gestaltet sich die Suche nach einer klaren Komposition schwierig. Diese Objektive haben ein weites Bildfeld, wodurch es nicht möglich ist, ein bestimmtes Motiv einfach heranzuzoomen oder zu isolieren. Zudem kann man störende Elemente nicht einfach „verschwimmen“ lassen, indem man eine geringe Tiefenschärfe einstellt.

Stellen Sie sich ein Tal mit einem Bach vor, der von Unterholz, Gestrüpp, Blättern, Steinen und Ästen umgeben ist. Es erfordert Zeit und Geduld, das Chaos dieser vielen Details durch die richtige Positionierung der Kamera und die Wahl der passenden Brennweite in eine ästhetische Ordnung zu bringen. Manchmal kann ich Stunden damit verbringen, bis mir endlich ein Bild gelingt, das mir gefällt. Dieses Ringen um die Komposition ist gewissermaßen das Gegenteil der berühmten „Angst des Malers vor der leeren Leinwand“ – während der Maler etwas hinzufügen muss, versucht die Fotografin oder der Fotograf, bereits Existierendes zu ordnen. Der Kopf ist dabei stets intensiv mit der Komposition und der Fototechnik beschäftigt, um ein harmonisches Zusammenspiel der Elemente zu erzielen – ein ästhetisches „Nebeneinander“ der Dinge.

Vor einigen Jahren entdeckte ich dann das Sound-Recording für mich. (i)

Anders als bei der Fotografie verfolge ich dabei nie einen projektbezogenen Ansatz oder den Anspruch, es zu perfektionieren. Stattdessen folge ich eher „meiner Nase“ – oder besser gesagt: meinem Ohr – und halte inne, wenn ich mich, meist spontan und ungeplant, in einer interessanten akustischen Situation vorfinde. Das Sound Recording ist für mich eine Möglichkeit, abzuschalten und mich zu erden.

Wenn ich auf eine faszinierende Klanglandschaft stoße, überlege ich zunächst, ob sich eine qualitativ hochwertige Aufnahme umsetzen lässt. Besonders wichtig ist es, auf störende Nebengeräusche zu achten, da sie die Atmosphäre erheblich beeinflussen können – ein Thema für sich.

Leider ist es heute nahezu unmöglich, irgendwo in Europa – oder anderswo – eine längere Tonaufnahme ohne die störenden Geräusche unserer technischen Zivilisation zu machen. Der motorisierte Straßenverkehr und Flugzeuge sind dabei die „Hauptschuldigen“. Selbst abgelegene Orte, wie etwa Gebirgslagen, sind oft betroffen. Wenn eine Flugroute darüber verläuft, bleibt kaum eine Chance auf ungestörte Stille, da die lauten Triebwerke von Düsen- oder Propellerflugzeugen häufig nur wenige Kilometer entfernt sind – besonders, wenn das Flugzeug direkt über einem fliegt. Es dauert oft viele Minuten, bis das in größer Höhe fliegende Flugzeug hinter dem akustischen Horizont verschwindet, da es am Himmel nicht einfach hinter einem Hindernis (z. B. einer Bergkette) verschwindet und dadurch gedämpft werden kann.

Ein weiteres großes Ärgernis für alle, die natürliche Klanglandschaften aufnehmen möchten, sind laute Motorräder und „Auto-Poser“. Selbst aus über zehn Kilometern Entfernung kann der künstlich verstärkte Lärm eines Motorrads noch zu hören sein. (i)

Spannende akustische Kulissen begegnen mir in den unterschiedlichsten Umgebungen: In der Natur kann es das sanfte Streichen des Windes über ein weites Feld sein oder das beruhigende Plätschern eines Baches. In der Stadt hingegen entfaltet ein belebter Marktplatz seine eigene klangliche Dynamik, geprägt von den Stimmen der Menschen, dem Klappern von Geschirr und den Geräuschen vorbeifahrender Fahrzeuge.

Sobald alles passt, setze ich den Kopfhörer auf, schalte das Aufnahmegerät ein, schließe die Augen – und bin in einer anderen Welt.

„Shut your eyes and see.“

Zeitlichkeit und Räumlichkeit in Bild und Ton

Unsere visuelle Wahrnehmung ermöglicht es uns, Objekte und Ereignisse gleichzeitig im Raum zu erfassen. So entsteht ein „Nebeneinander“ von Eindrücken – ähnlich wie es in dem Text aus Joyce’ „Ulysses“ beschrieben ist.

Im Gegensatz dazu ist die akustische Wahrnehmung an eine zeitliche Abfolge von Klängen und Geräuschen gebunden, die andererseits unser Vorstellungsvermögen aktivieren. Während wir mit den Augen mehrere Elemente auf einmal erfassen können, entfalten sich Klänge und Geräusche im Nacheinander. (i)

Über das Ohr nehmen wir den Raum auf eine Weise wahr, die in ihrer Intensität das übertrifft, was unser Auge trotz seines visuellen Nebeneinanders leisten kann. Da wir Klänge aus verschiedenen Richtungen simultan erfassen, entsteht eine unmittelbare und ganzheitliche räumliche Vorstellung. (i)

Diese grundlegende Differenz zwischen Sehen und Hören beeinflusst maßgeblich, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und Informationen verarbeiten.

Betrachtet man Bildmedien in Form von Videos, wird es noch komplexer: Bewegte Bilder bringen Zeitlichkeit ins Spiel und verwandeln das Nebeneinander des Statischen in ein Nacheinander des Geschehens. Doch dies ist ein eigenes Thema – eines, das hier zunächst außen vor bleibt.

„Nebeneinander“ und „Nacheinander“ am Strand

Lassen Sie uns das an einem Beispiel betrachten. Diesmal führt uns unsere Reise nicht an den Strand von Sandymount in Dublin, sondern an den Strand der Ostsee bei Niendorf am Brodtener Steilufer.

Wir erkunden die Szene zunächst optisch, dann akustisch.

Das folgende Foto wurde kurz vor Sonnenuntergang mit einer Sekunde Belichtungszeit aufgenommen.

Am Ostseestrand bei Sonnenuntergang ragen einzelne, teils große Steine aus dem seichten Wasser im Vordergrund. Die heranrollende Brandung überspült sie teilweise, wodurch ihre nassen Oberflächen im warmen Gegenlicht hell glänzen. Durch die lange Belichtungszeit erscheint das Wasser weich und verschwommen, was dem Bild eine ruhige, fast meditative Wirkung verleiht – trotz der kraftvollen Bewegung der Wellen.
Strand der Ostsee am Brodtener Steilufer.

Durch die relativ lange Belichtungszeit erscheinen die im Gegenlicht der untergehenden Sonne glänzenden Wassermassen durch die Bewegung des Wellenganges verwischt, was einen malerischen Effekt ergibt. Das Bild erscheint trotz der Dynamik der Szene relativ ruhig und lädt zur Kontemplation ein.

Das Foto bildet dennoch nur einen „Augenblick“ ab. Es zeigt das Nebeneinander der vom Wasser überspülten Steine und Felsen am Strand, der herannahenden Wellen, der am Horizon gleich hinter einer Wolkenbank verschwindenden Sonne. (i)

Um eine weitere Dimension – zeitlich wie räumlich – dieser Szene zu erfassen, schließen Sie die Augen und hören Sie sich hinein in die Tonaufnahme, die ich „zur selben Zeit“ gemacht habe. (i)

Die gesamte Aufnahme ist 5 Minuten lang und besteht vor allem aus dem stetigen, periodisch modulierten Rauschen der Brandung. Wer mag, kann die Aufnahme als Einladung zur Entspannung nutzen – ein akustisches Fenster zur Ostseeküste.

Schon ein kurzes Reinhören genügt, um den Rhythmus der Wellen zu erfassen: ihr kraftvolles Aufschlagen am Strand, das Zurückweichen, begleitet vom leisen Rasseln des bewegten Sandes und kleiner Kieselsteine, das Donnergeräusch der noch weit entfernten Wellen – ein zeitliches Nacheinander. In Stereo entfaltet sich jedoch eine weitere Wahrnehmungsebene: Die Klänge kommen aus verschiedenen Richtungen und erzeugen eine Tiefe, die das statische Foto allein nicht vermitteln kann. (i)

Lassen Sie uns noch erkunden, wie das Meer an einem anderen Ort aussieht und sich dort anhört. Diesmal lade ich Sie ein, mit mir nach Kerala in Südindien, an die Küste des Arabischen Meeres, zu kommen.

Folgendes Foto wurde an Nachmittag in der Monsunzeit aufgenommen.

Eine eindrucksvolle Strandszene an der Küste von Kerala in Südindien. Der Himmel ist von dunklen Wolken verhangen, was der Szenerie eine dramatische Atmosphäre verleiht. Links brandet das tosende Meer mit hohen, weiß schäumenden Wellen an den ockergelben Sandstrand, der sich in der Mitte erstreckt. Rechts zeichnet sich im Dämmerlicht ein dichter Palmenwald ab. In der Ferne steht eine Gruppe von Menschen, einige von ihnen mit Blick auf das Meer gerichtet. Die Wellen türmen sich stellenweise so hoch auf, dass sie die Menschen überragen und die gewaltige Kraft des Ozeans eindrucksvoll zur Geltung kommt.
Strand von Kerala zur Monsunzeit.

Dieses Foto fängt einen winzigen Bruchteil einer Sekunde ein – entsprechend der kurzen Verschlusszeit der Kamera. Doch als Betrachter erfassen wir in einem einzigen Blick das gesamte Nebeneinander: die tosende Brandung mit ihren gleißend weißen Wellen, die staunende Menschengruppe, der von den Wellen glattgeschliffene ockergelbe Sandstrand und der Tropenwald, der die Grenze zum Landesinneren markiert. Die dunklen Wolken verleihen der Szene eine leicht bedrohliche Atmosphäre, und man kann erahnen, wie stürmisch es hier werden kann.

Doch wie klingt diese Szene? Hören Sie sich in diesen Ort hinein. (i)

Grillenzirpen am Abend in den Alpen

Für ein weiteres Beispiel möchte ich Sie an einen ganz anderen Ort mitnehmen – in die italienischen Alpen, zum Passo di Croce Domini in der Lombardei. Es ist ein Abend im August. Die letzten Autos und Motorräder sind verschwunden, die Straßen liegen still.

Das Bild zeigt eine Berglandschaft in der Dämmerung unter einem wolkenverhangenen Himmel. Die Hügelketten erstrecken sich, jenseits eines Tals, gestaffelt in die Ferne und verblassen allmählich im dunstigen Abendlicht.

Eine stimmungsvolle Abendaufnahme zeigt einen tiefblauen Bergpass mit Blick in ein weitläufiges Tal. Mehrere gestaffelte Bergebenen erstrecken sich in die Ferne und verblassen allmählich im dunstigen Abendlicht. Über der Szenerie hängen dunkle Wolken, die der Landschaft eine geheimnisvolle und dramatische Atmosphäre verleihen.
Abend am Passo di Croce Domini.

Nun aber lade ich Sie ein, sich in diese Szene hineinzuhören. In der Aufnahme entfaltet das Nacheinander des rhythmischen Auf und Ab des Grillenzirpens, begleitet vom fernen Klang der Kuhglocken. Doch zugleich offenbart sich auch eine räumliche Tiefe: Die Grillen sind ganz nah, während die Kühe weit unten im Tal weiden. Ein akustisches Erlebnis, das die Weite dieser Landschaft auf besondere Weise spürbar macht. (i)

Ein Tal erwacht – Klang und Bild der Morgendämmerung

Lassen Sie uns nun an einen anderen Ort gehen, in den Schwarzwald, und in eine andere Jahreszeit reisen. Das folgende Foto habe ich im Frühjahr, noch vor Sonnenaufgang, in der Nähe von Gaggenau gemacht.

Eine geheimnisvolle, in Blau getauchte Morgendämmerungsszene im dichten Unterholz eines Naturschutzgebiets. Die Weitwinkelaufnahme versetzt den Betrachter mitten in ein verwobenes Dickicht aus dünnen, spärlich belaubten und moosbewachsenen Ästen sowie kleinen Büschen. Der Waldboden ist von liegenden Ästen und teils vermoosten Baumstämmen bedeckt, während das Moos im schwachen Licht der Dämmerung sanft aufleuchtet. Die Szenerie wirkt verwunschen und fast surreal – umgeben von Gestrüpp und Zweigen, bleibt der Himmel unsichtbar, wodurch ein intensives Gefühl der Eingeschlossenheit entsteht.
Im Gestrüpp im Traischbachtal im Nordschwarzwald bei Gaggenau.

Ich habe ein Weitwinkelobjektiv verwendet und mich in einem Tal ins Unterholz begeben. Auch hier hält das Bild einen Augenblick fest. Möglicherweise vermittelt das dichte Gestrüpp mit seinen Ästen eine räumliche Tiefe, ganz so, als befände man sich selbst an diesem Ort, mitten zwischen den kleinen Bäumen und Büschen – doch einen ganz anderen Eindruck von diesem Ort erschließt sich erst, wenn Sie sich in die Szene hineinhören.

Und besonders hier braucht es Zeit, falls Sie die Aufnahme in ihrer vollen Länge erleben möchten: Sie dauert fast eine Stunde. (i)

Sie hören, wie der Gesang der Vögel – noch in der Dunkelheit, was Sie auf der Aufnahme freilich nicht „sehen“ können – langsam einsetzt und sich allmählich verändert, während immer mehr Vogelarten erwachen und in den Chor einstimmen. Ornithologinnen und Ornithologen könnten anhand dieser akustischen Abfolge sogar die Uhr danach stellen – ein Prinzip, das als Vogeluhr bekannt ist. (i)

Die Tonaufnahme versetzt Sie mitten in die vielschichtige Klangwelt, die durch die komplexen sozialen Strukturen und kommunikativen Netzwerke der Vögel entsteht. Gleichzeitig vermittelt sie durch das Nacheinander der einsetzenden Vogelstimmen ein unmittelbares Gefühl für den Zeitverlauf. Man könnte den Fortgang der Morgendämmerung allein am Gesang ablesen. Dies stellt einen grundlegenden Unterschied zu den vorherigen Beispielen dar: Während die Brandung des Meeres und das Zirpen der Grillen durch wiederkehrende, periodische Muster geprägt sind, zeigt sich hier eine lineare, zeitliche Entwicklung – ein akustisches Abbild des erwachenden Morgens. Diese Dimension der Zeit fehlt im Bild völlig. (i)

Urbane Klanglandschaften

Ich möchte diese kleine Übung mit der Klanglandschaft in einer Stadt abschließen. Lassen Sie uns nach Brescia gehen, einer Stadt in der Lombardei in Norditalien.

Es ist ein später Sommernachmittag. Wir schlendern durch die Straßen der Altstadt, während ich das Mikrofon vorsichtig in der Hand balanciere, um Störgeräusche durch Erschütterungen zu vermeiden.

Eine Kopfsteinpflasterstraße in einer historischen Altstadt, die in die tief stehende Nachmittagssonne führt. Die Sonne strahlt direkt ins Bild und lässt das Pflaster glänzen. Im Gegenlicht zeichnen sich die dunklen Silhouetten einiger weniger Passanten ab, die mit dem Rücken zur Kamera gehen. Weiter entfernt steht ein Tisch auf der Straße, der zu einem Café gehört – zwei Personen sitzen dort, in das warme Licht der Sonne getaucht.
In der Altstadt von Brescia, Lombardei, Italien.

Das Foto fängt einen Moment unseres Spaziergangs ein: Menschen, die in das warme Abendlicht hineingehen, ihre dunklen Silhouetten und langen Schatten auf dem Pflaster.

Begleiten Sie mich nun auf diesem Spaziergang und lauschen Sie, wie sich die Altstadt für einen Spaziergänger anhört.

Wie schon bei der vorherigen Aufnahme des Vogelkonzerts, können Sie auch hier eine zeitliche Entwicklung des Geschehens wahrnehmen. Gleichzeitig entsteht eine räumliche Tiefe – durch Geräusche, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, näher rücken und wieder verschwinden. Es kommt eine noch stärkere Dynamik in die Klangabfolge, weil ich mich mit dem Mikrofon auch bewege. (i)

Fazit

Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass Bild- und Tonmedien (hier beschränkt auf Fotografie und Tonaufnahmen) ganz unterschiedliche Erfahrungen von Zeit und Raum vermitteln können. Eine optische und eine akustische Aufnahme desselben Ortes zur gleichen Zeit können völlig unterschiedliche Wirklichkeiten darstellen. Der begleitende Text kann helfen, beide Ebenen miteinander zu verbinden.

Sich dessen bewusst zu sein, ist meines Erachtens auch deshalb wichtig, um zu verstehen, wie vielfältig das Erleben der Welt je nach individueller Wahrnehmung sein kann. (i)