Shut your eyes and see – Zeit und Raum in Bild und Ton
Mit diesem Text lade ich Sie ein, Landschaften sowohl visuell als auch akustisch zu erleben. Mein Ziel ist es, die zeitliche und räumliche Dimension von Bild und Ton greifbar zu machen und ein besseres Verständnis dafür zu fördern. Anhand von Beispielen, die jeweils in Bild und Ton aufgenommen wurden, möchte ich die Unterschiede zwischen den beiden Medien spürbar und erfahrbar machen. (i)
Beginnen wir aber mit einem Spaziergang an den Strand und einem Blick in die Weltliteratur. Versuchen Sie sich, einen Moment auf diesen Text einzulassen – eine deutsche Übersetzung gibt es in der Fußnote:
„Ineluctable modality of the visible: at least that if no more, thought through my eyes. Signatures of all things I am here to read, seaspawn and seawrack, the nearing tide, that rusty boot. Snotgreen, bluesilver, rust: coloured signs. Limits of the diaphane. But he adds: in bodies. Then he was aware of them bodies before of them coloured. How? By knocking his sconce against them, sure. Go easy. Bald he was and a millionaire, maestro di color che sanno. Limit of the diaphane in. Why in? Diaphane, adiaphane. If you can put your five fingers through it it is a gate, if not a door. Shut your eyes and see.
Stephen closed his eyes to hear his boots crush crackling wrack and shells. You are walking through it howsomever. I am, a stride at a time. A very short space of time through very short times of space. Five, six: the Nacheinander. Exactly: and that is the ineluctable modality of the audible. Open your eyes. No. Jesus! If I fell over a cliff that beetles o’er his base, fell through the Nebeneinander ineluctably! I am getting on nicely in the dark. My ash sword hangs at my side. Tap with it: they do. My two feet in his boots are at the ends of his legs, nebeneinander. Sounds solid: made by the mallet of Los demiurgos. Am I walking into eternity along Sandymount strand? Crush, crack, crick, crick. Wild sea money. Dominie Deasy kens them a’.
Won’t you come to Sandymount, Madeline the mare?
Rhythm begins, you see. I hear. A catalectic tetrameter of iambs marching. No, agallop: deline the mare.
Open your eyes now. I will. One moment. Has all vanished since? If I open and am for ever in the black adiaphane. Basta! I will see if I can see.
See now. There all the time without you: and ever shall be, world without end.“
(James Joyce: „Ulysses“, Chapter 3) (i)
In diesem Text meditiert Joyce’ Protagonist Stephen Dedalus über die Natur unserer Wahrnehmung und Erkenntnis. Ich habe ihn als Einstimmung gewählt, weil er – wie ich finde – auf unfassbar rätselhafte und schöne Weise dazu anregt, über die Natur unserer Sinneserfahrungen – und unseres Denkens – nachzudenken.
Eine Interpretation, die der Tiefe und den zahlreichen Verweisen dieses Textes gerecht werden könnte, kann ich hier jedoch nicht liefern. (i)
Joyce verweist in dieser Passage offenbar auf Aristoteles’ Theorie der Wahrnehmung. Besonders interessant ist seine Gegenüberstellung zweier Strukturierungsformen: „Nebeneinander“ und „Nacheinander“. Bemerkenswerterweise verwendet er diese deutschen Begriffe sogar im englischen Originaltext. Damit spielt er offenbar auf die Unterscheidung zwischen Bildender Kunst und Poesie an, die Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) in seinem Werk Laokoon vornimmt. (i)
Überträgt man dieses Muster auf die Sinneswahrnehmung, ergibt sich eine interessante Parallele:
Sehsinn (Nebeneinander): Das Auge nimmt Informationen gleichzeitig im Raum auf – ein Bild oder eine Szene wird mit einem einzigen Blick erfasst.
Hörsinn (Nacheinander): Das Ohr verarbeitet Töne sequenziell, wodurch Melodien und Sprache als Abfolge von Tonimpulsen wahrgenommen werden.
Diese Unterscheidung wird durch die Physiologie der Sinnesorgane gestützt: Während das Auge verschiedene Bereiche des Gesichtsfeldes gleichzeitig erfasst, registriert das Ohr feine zeitliche Unterschiede. In diesem Artikel möchte ich diese auf den ersten Blick selbstverständlichen Zusammenhänge an ein paar Beispielen erforschen. Ich werde zu verschiedenen Szenen jeweils ein Foto und eine Tonaufnahme präsentieren, die gleichzeitig aufgenommen wurden. Die Tonaufnahmen haben eine Dauer von mehreren Minuten. Fühlen Sie sich jedoch nicht verpflichtet, alle Aufnahmen in voller Länge anzuhören – insbesondere, wenn Sie zunächst diesen Text lesen möchten. Wer möchte, kann die Aufnahmen – besonders die mit Naturgeräuschen – als Einladung zur Entspannung nutzen.
Optische und akustische Bilder
Seit vielen Jahren ist eine Kamera mein ständiger Begleiter. Besonders die Landschaftsfotografie fasziniert mich. Oft konzentriere ich mich projektbezogen auf eine bestimmte Landschaft oder Region, um sie zu verschiedenen Jahres- oder Tageszeiten zu fotografieren. Dabei habe ich häufig bereits konkrete Bilder im Kopf, die ich realisieren möchte – es gilt nur noch, die richtigen Bedingungen abzupassen und entsprechend zu planen.
Eine wiederkehrende Herausforderung tritt auf, wenn ich einen Ort fotografisch „porträtieren“ möchte: Oft ist das Bildfeld der Kamera vor Ort mit zu vielen Elementen überladen. Besonders mit Weitwinkelobjektiven gestaltet sich die Suche nach einer klaren Komposition schwierig. Diese Objektive haben ein weites Bildfeld, wodurch es nicht möglich ist, ein bestimmtes Motiv einfach heranzuzoomen oder zu isolieren. Zudem kann man störende Elemente nicht einfach „verschwimmen“ lassen, indem man eine geringe Tiefenschärfe einstellt.
Stellen Sie sich ein Tal mit einem Bach vor, der von Unterholz, Gestrüpp, Blättern, Steinen und Ästen umgeben ist. Es erfordert Zeit und Geduld, das Chaos dieser vielen Details durch die richtige Positionierung der Kamera und die Wahl der passenden Brennweite in eine ästhetische Ordnung zu bringen. Manchmal kann ich Stunden damit verbringen, bis mir endlich ein Bild gelingt, das mir gefällt. Dieses Ringen um die Komposition ist gewissermaßen das Gegenteil der berühmten „Angst des Malers vor der leeren Leinwand“ – während der Maler etwas hinzufügen muss, versucht die Fotografin oder der Fotograf, bereits Existierendes zu ordnen. Der Kopf ist dabei stets intensiv mit der Komposition und der Fototechnik beschäftigt, um ein harmonisches Zusammenspiel der Elemente zu erzielen – ein ästhetisches „Nebeneinander“ der Dinge.
Vor einigen Jahren entdeckte ich dann das Sound-Recording für mich. (i)
Anders als bei der Fotografie verfolge ich dabei nie einen projektbezogenen Ansatz oder den Anspruch, es zu perfektionieren. Stattdessen folge ich eher „meiner Nase“ – oder besser gesagt: meinem Ohr – und halte inne, wenn ich mich, meist spontan und ungeplant, in einer interessanten akustischen Situation vorfinde. Das Sound Recording ist für mich eine Möglichkeit, abzuschalten und mich zu erden.
Wenn ich auf eine faszinierende Klanglandschaft stoße, überlege ich zunächst, ob sich eine qualitativ hochwertige Aufnahme umsetzen lässt. Besonders wichtig ist es, auf störende Nebengeräusche zu achten, da sie die Atmosphäre erheblich beeinflussen können – ein Thema für sich.
Leider ist es heute nahezu unmöglich, irgendwo in Europa – oder anderswo – eine längere Tonaufnahme ohne die störenden Geräusche unserer technischen Zivilisation zu machen. Der motorisierte Straßenverkehr und Flugzeuge sind dabei die „Hauptschuldigen“. Selbst abgelegene Orte, wie etwa Gebirgslagen, sind oft betroffen. Wenn eine Flugroute darüber verläuft, bleibt kaum eine Chance auf ungestörte Stille, da die lauten Triebwerke von Düsen- oder Propellerflugzeugen häufig nur wenige Kilometer entfernt sind – besonders, wenn das Flugzeug direkt über einem fliegt. Es dauert oft viele Minuten, bis das in größer Höhe fliegende Flugzeug hinter dem akustischen Horizont verschwindet, da es am Himmel nicht einfach hinter einem Hindernis (z. B. einer Bergkette) verschwindet und dadurch gedämpft werden kann.
Ein weiteres großes Ärgernis für alle, die natürliche Klanglandschaften aufnehmen möchten, sind laute Motorräder und „Auto-Poser“. Selbst aus über zehn Kilometern Entfernung kann der künstlich verstärkte Lärm eines Motorrads noch zu hören sein. (i)
Spannende akustische Kulissen begegnen mir in den unterschiedlichsten Umgebungen: In der Natur kann es das sanfte Streichen des Windes über ein weites Feld sein oder das beruhigende Plätschern eines Baches. In der Stadt hingegen entfaltet ein belebter Marktplatz seine eigene klangliche Dynamik, geprägt von den Stimmen der Menschen, dem Klappern von Geschirr und den Geräuschen vorbeifahrender Fahrzeuge.
Sobald alles passt, setze ich den Kopfhörer auf, schalte das Aufnahmegerät ein, schließe die Augen – und bin in einer anderen Welt.
„Shut your eyes and see.“
Zeitlichkeit und Räumlichkeit in Bild und Ton
Unsere visuelle Wahrnehmung ermöglicht es uns, Objekte und Ereignisse gleichzeitig im Raum zu erfassen. So entsteht ein „Nebeneinander“ von Eindrücken – ähnlich wie es in dem Text aus Joyce’ „Ulysses“ beschrieben ist.
Im Gegensatz dazu ist die akustische Wahrnehmung an eine zeitliche Abfolge von Klängen und Geräuschen gebunden, die andererseits unser Vorstellungsvermögen aktivieren. Während wir mit den Augen mehrere Elemente auf einmal erfassen können, entfalten sich Klänge und Geräusche im Nacheinander. (i)
Über das Ohr nehmen wir den Raum auf eine Weise wahr, die in ihrer Intensität das übertrifft, was unser Auge trotz seines visuellen Nebeneinanders leisten kann. Da wir Klänge aus verschiedenen Richtungen simultan erfassen, entsteht eine unmittelbare und ganzheitliche räumliche Vorstellung. (i)
Diese grundlegende Differenz zwischen Sehen und Hören beeinflusst maßgeblich, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und Informationen verarbeiten.
Betrachtet man Bildmedien in Form von Videos, wird es noch komplexer: Bewegte Bilder bringen Zeitlichkeit ins Spiel und verwandeln das Nebeneinander des Statischen in ein Nacheinander des Geschehens. Doch dies ist ein eigenes Thema – eines, das hier zunächst außen vor bleibt.
„Nebeneinander“ und „Nacheinander“ am Strand
Lassen Sie uns das an einem Beispiel betrachten. Diesmal führt uns unsere Reise nicht an den Strand von Sandymount in Dublin, sondern an den Strand der Ostsee bei Niendorf am Brodtener Steilufer.
Wir erkunden die Szene zunächst optisch, dann akustisch.
Das folgende Foto wurde kurz vor Sonnenuntergang mit einer Sekunde Belichtungszeit aufgenommen.
Strand der Ostsee am Brodtener Steilufer.
Durch die relativ lange Belichtungszeit erscheinen die im Gegenlicht der untergehenden Sonne glänzenden Wassermassen durch die Bewegung des Wellenganges verwischt, was einen malerischen Effekt ergibt. Das Bild erscheint trotz der Dynamik der Szene relativ ruhig und lädt zur Kontemplation ein.
Das Foto bildet dennoch nur einen „Augenblick“ ab. Es zeigt das Nebeneinander der vom Wasser überspülten Steine und Felsen am Strand, der herannahenden Wellen, der am Horizon gleich hinter einer Wolkenbank verschwindenden Sonne. (i)
Um eine weitere Dimension – zeitlich wie räumlich – dieser Szene zu erfassen, schließen Sie die Augen und hören Sie sich hinein in die Tonaufnahme, die ich „zur selben Zeit“ gemacht habe. (i)
Die gesamte Aufnahme ist 5 Minuten lang und besteht vor allem aus dem stetigen, periodisch modulierten Rauschen der Brandung. Wer mag, kann die Aufnahme als Einladung zur Entspannung nutzen – ein akustisches Fenster zur Ostseeküste.
Schon ein kurzes Reinhören genügt, um den Rhythmus der Wellen zu erfassen: ihr kraftvolles Aufschlagen am Strand, das Zurückweichen, begleitet vom leisen Rasseln des bewegten Sandes und kleiner Kieselsteine, das Donnergeräusch der noch weit entfernten Wellen – ein zeitliches Nacheinander. In Stereo entfaltet sich jedoch eine weitere Wahrnehmungsebene: Die Klänge kommen aus verschiedenen Richtungen und erzeugen eine Tiefe, die das statische Foto allein nicht vermitteln kann. (i)
Lassen Sie uns noch erkunden, wie das Meer an einem anderen Ort aussieht und sich dort anhört. Diesmal lade ich Sie ein, mit mir nach Kerala in Südindien, an die Küste des Arabischen Meeres, zu kommen.
Folgendes Foto wurde an Nachmittag in der Monsunzeit aufgenommen.
Strand von Kerala zur Monsunzeit.
Dieses Foto fängt einen winzigen Bruchteil einer Sekunde ein – entsprechend der kurzen Verschlusszeit der Kamera. Doch als Betrachter erfassen wir in einem einzigen Blick das gesamte Nebeneinander: die tosende Brandung mit ihren gleißend weißen Wellen, die staunende Menschengruppe, der von den Wellen glattgeschliffene ockergelbe Sandstrand und der Tropenwald, der die Grenze zum Landesinneren markiert. Die dunklen Wolken verleihen der Szene eine leicht bedrohliche Atmosphäre, und man kann erahnen, wie stürmisch es hier werden kann.
Für ein weiteres Beispiel möchte ich Sie an einen ganz anderen Ort mitnehmen – in die italienischen Alpen, zum Passo di Croce Domini in der Lombardei. Es ist ein Abend im August. Die letzten Autos und Motorräder sind verschwunden, die Straßen liegen still.
Das Bild zeigt eine Berglandschaft in der Dämmerung unter einem wolkenverhangenen Himmel. Die Hügelketten erstrecken sich, jenseits eines Tals, gestaffelt in die Ferne und verblassen allmählich im dunstigen Abendlicht.
Abend am Passo di Croce Domini.
Nun aber lade ich Sie ein, sich in diese Szene hineinzuhören.
In der Aufnahme entfaltet das Nacheinander des rhythmischen Auf und Ab des Grillenzirpens, begleitet vom fernen Klang der Kuhglocken. Doch zugleich offenbart sich auch eine räumliche Tiefe: Die Grillen sind ganz nah, während die Kühe weit unten im Tal weiden. Ein akustisches Erlebnis, das die Weite dieser Landschaft auf besondere Weise spürbar macht. (i)
Ein Tal erwacht – Klang und Bild der Morgendämmerung
Lassen Sie uns nun an einen anderen Ort gehen, in den Schwarzwald, und in eine andere Jahreszeit reisen.
Das folgende Foto habe ich im Frühjahr, noch vor Sonnenaufgang, in der Nähe von Gaggenau gemacht.
Im Gestrüpp im Traischbachtal im Nordschwarzwald bei Gaggenau.
Ich habe ein Weitwinkelobjektiv verwendet und mich in einem Tal ins Unterholz begeben. Auch hier hält das Bild einen Augenblick fest. Möglicherweise vermittelt das dichte Gestrüpp mit seinen Ästen eine räumliche Tiefe, ganz so, als befände man sich selbst an diesem Ort, mitten zwischen den kleinen Bäumen und Büschen – doch einen ganz anderen Eindruck von diesem Ort erschließt sich erst, wenn Sie sich in die Szene hineinhören.
Und besonders hier braucht es Zeit, falls Sie die Aufnahme in ihrer vollen Länge erleben möchten: Sie dauert fast eine Stunde. (i)
Sie hören, wie der Gesang der Vögel – noch in der Dunkelheit, was Sie auf der Aufnahme freilich nicht „sehen“ können – langsam einsetzt und sich allmählich verändert, während immer mehr Vogelarten erwachen und in den Chor einstimmen. Ornithologinnen und Ornithologen könnten anhand dieser akustischen Abfolge sogar die Uhr danach stellen – ein Prinzip, das als Vogeluhr bekannt ist. (i)
Die Tonaufnahme versetzt Sie mitten in die vielschichtige Klangwelt, die durch die komplexen sozialen Strukturen und kommunikativen Netzwerke der Vögel entsteht. Gleichzeitig vermittelt sie durch das Nacheinander der einsetzenden Vogelstimmen ein unmittelbares Gefühl für den Zeitverlauf. Man könnte den Fortgang der Morgendämmerung allein am Gesang ablesen. Dies stellt einen grundlegenden Unterschied zu den vorherigen Beispielen dar: Während die Brandung des Meeres und das Zirpen der Grillen durch wiederkehrende, periodische Muster geprägt sind, zeigt sich hier eine lineare, zeitliche Entwicklung – ein akustisches Abbild des erwachenden Morgens. Diese Dimension der Zeit fehlt im Bild völlig. (i)
Urbane Klanglandschaften
Ich möchte diese kleine Übung mit der Klanglandschaft in einer Stadt abschließen. Lassen Sie uns nach Brescia gehen, einer Stadt in der Lombardei in Norditalien.
Es ist ein später Sommernachmittag. Wir schlendern durch die Straßen der Altstadt, während ich das Mikrofon vorsichtig in der Hand balanciere, um Störgeräusche durch Erschütterungen zu vermeiden.
In der Altstadt von Brescia, Lombardei, Italien.
Das Foto fängt einen Moment unseres Spaziergangs ein: Menschen, die in das warme Abendlicht hineingehen, ihre dunklen Silhouetten und langen Schatten auf dem Pflaster.
Wie schon bei der vorherigen Aufnahme des Vogelkonzerts, können Sie auch hier eine zeitliche Entwicklung des Geschehens wahrnehmen. Gleichzeitig entsteht eine räumliche Tiefe – durch Geräusche, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, näher rücken und wieder verschwinden. Es kommt eine noch stärkere Dynamik in die Klangabfolge, weil ich mich mit dem Mikrofon auch bewege. (i)
Fazit
Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass Bild- und Tonmedien (hier beschränkt auf Fotografie und Tonaufnahmen) ganz unterschiedliche Erfahrungen von Zeit und Raum vermitteln können. Eine optische und eine akustische Aufnahme desselben Ortes zur gleichen Zeit können völlig unterschiedliche Wirklichkeiten darstellen. Der begleitende Text kann helfen, beide Ebenen miteinander zu verbinden.
Sich dessen bewusst zu sein, ist meines Erachtens auch deshalb wichtig, um zu verstehen, wie vielfältig das Erleben der Welt je nach individueller Wahrnehmung sein kann. (i)
×(i) Hierbei konzentriere ich mich bewusst auf das reine Bild- und Tonmedium und lasse Videos außen vor, in denen Bild und Ton kombiniert sind. Denn gerade durch diese bewusste Einschränkung lassen sich die wesentlichen Unterschiede besonders klar erkennen.
×(i) James Joyce: Ulysses, Penguin Books, 1986, S. 31
In der deutschen Übersetzung von Hans Wollschläger in „Ulysses“, Edition Suhrkamp, 1981, S. 53:
„Unausweichliche Modalität des Sichtbaren: zum mindesten dies, wenn nicht mehr, gedacht
durch meine Augen. Die Handschrift aller Dinge bin ich hier zu lesen, Seelaich und Seetang, die
nahende Flut, den rostigen Stiefel dort. Rotzgrün, Blausilber und Rost: gefärbte Zeichen. Grenzen
des Diaphanen. Doch er fügt hinzu: in Körpern. Dann ward er ihrer Körperlichkeit gewahr noch vor
ihrer Gefärbtheit. Und wie? Indem er mit der Birne dagegen stieß, gewiß. Also, nicht so hastig. Ein
Kahlkopf war er und ein Millionär, maestro di color che sanno. Grenze des Diaphanen in. Wieso
in? Diaphan, adiaphan. Wenn man seine fünf Finger hindurchstecken kann, ist’s ein Tor, wenn
nicht, eine Tür. Schließ deine Augen und schau!
Stephen schloß die Augen und hörte seine Stiefel krachend Tang und Muscheln malmen. Jedenfalls
gehst du hindurch irgendwie. Das tue ich, mit jeweils einem langen Schritt. Einen sehr kurzen
Zeitraum lang durch sehr kurze Raumzeiten. Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die
unausweichliche Modalität des Hörbaren, öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem
Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das
Nebeneinander. Ich komme ganz schön voran in der Dunkelheit. Mein Eschenschwert hängt mir an
der Seite. Tipp an damit: sie tun’s. Meine beiden Füße in seinen Stiefeln sitzen am Ende seiner
Beine, nebeneinander. Klingt sehr solide: gemacht vom Klöpfel von Los Demiurgos. Geh ich denn
in die Ewigkeit hinein, so hin auf dem Sandymount-Strand? Kritsch, krack, krick, krick. Münzgeld
des wilden Meeres. Pauker Deasy kennt sie all’.
Kommst du mit nach Sandymount,
Madelin, mein Pferdchen?
Der Rhythmus beginnt, wie du siehst. Ich höre. Ein katalektischer Tetrameter marschierender
Jamben. Nein, galoppierender: delin, mein Pferdchen.
Öffne die Augen jetzt. Das will ich. Augenblick noch. Ist alles verschwunden seither? Wenn ich sie
nun öffne und bin auf immer im schwarzen Adiaphanen? Basta! Ich will sehn, ob ich sehen kann.
Sehe jetzt. Allzeit dort außerhalb deiner jetzt und immerdar: Welt ohne Ende.“
„Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmenden Wirkung mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal übersehen lassen. Sie erfordert also, daß diese Teile nebeneinander liegen müssen; und da Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, körperliche Schönheit nachahmen.
Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nacheinander zeigen könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit, als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente, nacheinander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie, nebeneinander geordnet, haben; daß der konzentrierende Blick, den wir nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zurücksenden wollen, uns doch kein übereinstimmendes Bild gewähret; daß es über die menschliche Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase, und diese Augen zusammen für einen Effekt haben, wenn man sich nicht aus der Natur oder Kunst einer ähnlichen Komposition solcher Teile erinnern kann.“
(Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon, Kapitel 20; vgl Projekt Gutenberg)
Lessing betont in Laokoon, dass die bildende Kunst körperliche Schönheit besser darstellen kann, da sie alle Elemente gleichzeitig zeigt – nebeneinander. Die Poesie hingegen beschreibt sie nur nacheinander, was ihre Wirkung schmälern kann. Doch während die Poesie hierin begrenzt ist, liegt ihre Stärke in der Darstellung von Bewegung, Handlung und Zeitabläufen. Zudem fordert sie mehr Einbildungskraft vom Rezipienten, da Worte innere Bilder erst entstehen lassen.
Gerade weil sie nicht an die Grenzen des sichtbaren Raums gebunden ist, hält Lessing die Poesie für umfassender. Sie kann nicht nur Gefühle und abstrakte Ideen, sondern auch komplexe Zusammenhänge vermitteln – etwas, das der bildenden Kunst nur bedingt möglich ist.
×(i) Für Neugierige möchte ich kurz verraten, welche Ausrüstung ich für Tonaufnahmen verwende.
Entweder verwende ich einen portable Zoom H5 Audiorecorder mit einem vorgeschalteten Kondensatormikrofon (Audio-Technica BP 4025) und Phantomspeisung (die die Schaltkreise im angeschlossenen Mikrofon mit Spannung versorgt). Das Zoom H5 ist zwar ein professionelles Aufnahmegerät, das schon ohne externes Mikrofon hervorragende Klangqualität z.B. für Konzertmitschnitte liefert. Bei schwächeren Geräuschen (wie zum Beispiel Grillenzirpen) ist allerdings das Rauschen viel zu stark. Für solche Fälle empfehle ich, ein externes Mikrofon vorzuschalten.
Meine Präferenz ist allerdings der Audiorecorder PCM-D100 von Sony, der auch ohne angeschlossenes Mikrofon ein hervorragendes Signal-zu-Rauschverhältnis auch bei schwacher Audiokulisse bietet. Wer also mit kleinerem Gepäck und – wie es sich meist anbietet: unauffälliger – unterwegs sein will, sollte zu dieser Alternative greifen. Es versteht sich von selbst, immer mit einem „Dead Kitten“ zur Kompensation von Störgeräuschen durch Wind zu arbeiten.
×(i) Das Projekt One Square Inch of Silence, ins Leben gerufen von Sound-Recording-Experte Gordon Hempton, dokumentiert und beschreibt dieses Phänomen auf eindrucksvolle und einfühlsame Weise.
Weiterführende Literatur:
Gordon Hempton, John Grossmann: One Square Inch of Silence: One Man's Search for Natural Silence in a Noisy World, Simon and Schuster, 2009.
×(i) Was bedeutet „Gegenwart“?
Es ist spannend, weiter zu erforschen, was es physiologisch bedeutet, von einem „Jetzt“ oder einem „Augenblick“ zu sprechen. Streng genommen nehmen wir nie mehrere Dinge exakt gleichzeitig wahr. Was wir als „Augenblick“ empfinden, dauert aus physiologischer Sicht einige Sekunden – denn unser Gehirn braucht Zeit, um die von der Netzhaut eintreffenden Informationen zu verarbeiten.
Der Neurowissenschaftler Ernst Pöppel entwickelte die Theorie, dass das menschliche Gehirn die Wahrnehmung in etwa drei Sekunden lange „Gegenwartsfenster“ unterteilt. In diesen kurzen Intervallen aktualisiert es unser Weltbild und formt so das Erleben des „Hier und Jetzt“. Dieser Prozess verbindet aufeinanderfolgende Eindrücke zu einer geschlossenen Wahrnehmungsgestalt und prägt unser subjektives Zeitempfinden. (Siehe Steve Ayan: Blick zurück nach vorn in Gehirn und Geist 10, 2007)
Diese Zusammenhänge werden auch relevant, wenn wir von „bewegten Bildern“, also von Filmen sprechen und uns die Frage stellen, bis zu welcher zeitlichen Auflösung Menschen noch Dinge unterscheiden können.
Es ist interessant, dass es uns mit der Fotografie gelingt, Dinge sichtbar zu machen, die weit unterhalb der zeitlichen Schwelle dessen sind, was physiologisch ein Augenblick ist. Wenn wir ein Foto mit einer Belichtungszeit vom Bruchteil einer Sekunde machen, dann „frieren“ wir das Geschehen auf dieser Zeitskala quasi ein.
Ein Beispiel, wie man mit einer Kamera und relativ einfachen Mitteln ein Geschehen sichtbar macht, das sich auf sehr kurzen Zeitskalen abspielt, ist folgendes Foto eines auf einer Wasseroberfläche auftreffenden Tropfens, bei dem zwar eine längere Belichtungszeit (wenige Sekunden) verwendet, durch einen ultraschnellen Blitz aber ein einzelnr „Augenblick“ für die Kamera im selben Bild eingefangen wurde.
Die lange Belichtungszeit hilft, ein passendes Zeitfenster zu erfassen, während der kurze Blitz die Tropfenbewegung für einen Sekundenbruchteil einfriert. Der wesentliche Teil der Belichtung erfolgt durch den Blitz, wodurch eine extrem kurze Zeitauflösung von bis zu 1/1000 Sekunde möglich wird, die es erlaubt, das Geschehen in feinster Detailgenauigkeit festzuhalten.
Ein Wassertropfen, der auf eine Wasserfläche auftrifft.
×(i) Obwohl die Verarbeitung von Schall und die Interpretation in unserem Gehirn eine enorme Aufgabe sein muss, erlaubt die akustische Wahrnehmung eine hervorragende Orientierung im Raum. Wie Ed Yong in An Immense World auf Seite 213 schreibt:
„We localize sound without consciously thinking about it, which conceals how hard that task actually is. An eye comes with an inbuilt sense of space, because light from different parts of the world falls on different parts of the retina. But ears are set up to capture qualities like frequency and loudness that have no intrinsic special component. For an animal to take that information and turn it into a map of the world, its brain has to work really hard.“
(Ed Yong: An Immense World, Vintage Penguin Random House 2023)
Die akustische Raumwahrnehmung erlaubt es Menschen, Räume allein anhand ihrer spezifischen Klangsignaturen zu erkennen – selbst mit geschlossenen Augen. Räumliches Hören spielt dabei eine zentrale Rolle im Alltag und unterstützt die Navigation in der Umgebung. Darüber hinaus können sich Menschen (mit entsprechender Übung) durch reflektierte Schallwellen ähnlich wie Fledermäuse orientieren und diese Fähigkeit mit der Zeit weiterentwickeln – eine Methode, die Echolokation genannt wird (dazu weiter unten mehr).
In den Anmerkungen zu diesem Text werde ich übrigens mehrfach auf das Buch An Immense World des Wissenschaftsjournalisten Ed Yong verweisen. Dieses Werk ist eine außergewöhnlich reichhaltige Informationsquelle über die Vielfalt der Sinne im Tierreich – und weit mehr als nur eine Abhandlung über Seh- und Hörsinn.
Während ich mich in diesem Artikel auf Seh- und Hörsinn konzentriere, widmet sich Yong einer breiten Palette an Reizen und Wahrnehmungsformen, die in der Tierwelt existieren. Dazu gehören etwa elektrische und magnetische Felder oder feine Vibrationen in Luft und Boden, die von bestimmten Arten wahrgenommen werden können.
Yong zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie eng die Fähigkeit zur Wahrnehmung bestimmter Reize mit den „inneren Bildern“ der Umwelt verknüpft ist, die sich Tiere jeweils erschaffen. Um einige Beispiele jenseits von Seh- und Hörsinn zu nennen: Spinnen orientieren sich hauptsächlich über Vibrationen in ihrem Netz, während ihnen der visuelle und akustische Raum, der anderen Tieren zugänglich ist, weitgehend verschlossen bleibt. Bestimmte Fischarten, sogenannte elektrische Fische, können elektrische Felder wahrnehmen und selbst erzeugen, um sich zu orientieren und andere Lebewesen aufzuspüren. Doch sobald sie ihre elektrischen Entladungen aussenden, können sie ihre eigene Anwesenheit nicht länger vor Artgenossen verbergen.
Wie anders muss die Welt für solche Tiere erscheinen – verglichen mit Lebewesen, die sich primär auf Sehen und Hören verlassen. Im Kapitel über elektrische Felder spekuliert Yong schließlich darüber, wie sich das Sozialleben dieser faszinierenden Kreaturen wohl gestaltet (Ed Yong: An Immense World, S. 289):
„I wonder what a social life governed by electric signals must be like. These animals can’t hide from each other. In setting off their electric discharges to sense their environment, they unavoidably announce their presence and identities to any other electric fish within range. A river full of electric fish must be like a cocktail party where no one ever shuts up, even when their mouths are full.”
×(i) Ich habe von derselben Szene zu ungefähr derselben Zeit ein anderes Foto gemacht mit einer etwas kürzeren Belichtungszeit von 0,4 Sekunden.
Strand der Ostsee am Brodtener Steilufer, selbe Stelle wie oben.
Auch hier ist die Belichtungszeit einerseits lange genug, um die über die Steine rauschenden Wassermassen verflossen erscheinen zu lassen. Dennoch ergibt sich der Eindruck, dass ein „Moment eingefroren“ wurde, Man kann einzelne im Gegenlicht leuchtenden „Wasserspritzer“ erkennen.
×(i) Natürlich ist „zur selben Zeit“ relativ. Während das Foto eine Sekunde abbildet, erstreckt sich die Tonaufnahme über mehrere Minuten. Präziser ausgedrückt: Innerhalb des Zeitfensters, während das Aufnahmegerät lief, habe ich das Foto gemacht.
×(i) Hören Sie sich in eine Klanglandschaft hinein, die ich an einer Stelle ganz in der Nähe aufgenommen habe. Diese Aufnahme habe ich bei etwas schwächerer Brandung aufgenommen, dieses Mal jedoch das Mikrofon auf einem Stein in der Brandung platziert.
×(i) Die Aufnahme hat eine Länge von 10 Minuten und besteht im Wesentlichen aus dem stetigen Rauschen der Brandung, die unaufhörlich an den Strand schlägt. Wer möchte, darf sie gerne als Einladung zur Entspannung nutzen – ein akustisches Fenster zur Küste Indiens.
×(i) Wie Ed Yong in An Immense World auf Seite 217 schreibt, dürfte unsere Erde bereits seit 165 Millionen Jahren von diesen Klängen erfüllt sein – ein Schluss, der auf fossile Insektenfunde zurückgeht.
×(i) Ab Minute 20:00 fliegt ein Flugzeug durch das „akustische Bild“.
Ich erinnere an die Fußnote zum Thema Störgeräusche ganz am Anfang. Diese Problematik zeigt sich besonders an dieser Aufnahme, die während der Corona-Pandemie entstand – einer Zeit, in der der weltweite Verkehr zu Land und in der Luft stark zurückging. Trotz dieser ungewöhnlich stillen Zeiten waren jedoch auch in dieser Aufnahme noch Störgeräusche zu hören, was die Bedeutung des Problems umso stärker unterstreicht.
×(i) Es liegt nahe, Parallelen zwischen dem Gesang der Vögel und der menschlichen Sprache zu ziehen und daraus Rückschlüsse auf die Kommunikation von Vögeln und Menschen zu ziehen.
Ein Verweis auf An Immense World von Ed Yong: Auf den Seiten 223 ff. zeigt Ed Yong überzeugend, dass die Struktur von Vogelgesängen viel komplexer ist, als wir Menschen erfassen können. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass für die Tiere offenbar andere Merkmale des Gesangs von Bedeutung sind als für menschliche Hörer. Am Beispiel der Zebrafinken wird deutlich, dass diese Tiere relativ unempfindlich gegenüber den sequentiellen Merkmalen des Vogelgesangs sind. Sequentielle Merkmale von Liedsilben betreffen die Reihenfolge und Anordnung der Silben innerhalb eines Gesangs. Stattdessen scheinen Zebrafinken und andere Vögel zu einem gewissen Grad empfindlich gegenüber den akustischen Details einzelner Silben zu sein – und zwar in einem Empfindlichkeitsbereich, der die menschliche Hörfähigkeit übersteigt.
Menschen können zwar mit hoher Genauigkeit Unterschiede zwischen den Gesängen von Zebrafinken erkennen, beispielsweise anhand der Tonhöhenkontur, doch sie sind nicht in der Lage, das gesamte Spektrum akustischer Informationen zu erfassen, das für Zebrafinken hörbar ist. Während die menschliche Unterscheidung auf Merkmalen wie Tonhöhe und Rhythmus basiert, übersieht sie feinere spektral-zeitliche Details. Diese Einschränkung verdeutlicht die Kluft zwischen der menschlichen auditiven Wahrnehmung und den spezialisierten sensorischen Fähigkeiten der Zebrafinken.
Die feinen spektral-zeitlichen Details im Gesang der Zebrafinken umfassen akustische Merkmale, die über die menschliche Wahrnehmung hinausgehen. Dazu gehört die temporale Feinstruktur – schnelle Veränderungen innerhalb einer Schallwelle, die Zebrafinken bis zu 1000 Hz unterscheiden können, während Menschen bei etwa 300 Hz Schwierigkeiten haben. Auch minimale Variationen in der Klangwelle sind wichtig, da sie Hinweise auf Geschlecht, Identität und Rufart liefern. Zebrafinken sind außerdem äußerst empfindlich gegenüber spezifischen Frequenz- und Zeitmustern, die sich in Spektrogrammen als schnelle Frequenzmodulationen oder harmonische Veränderungen zeigen. Sie erkennen akustische Unterschiede innerhalb von nur 1–2 Millisekunden und sind damit präziser als Menschen. Während wir vor allem Rhythmus und Tonhöhe wahrnehmen, erfassen Zebrafinken die komplexe innere Struktur einzelner Silben mit weit größerer Detailgenauigkeit.
Siehe auch: Fishbein Adam R., Idsardi William J., Ball Gregory F. and Dooling Robert J. 2020Sound sequences in birdsong: how much do birds really care? Phil. Trans. R. Soc. B37520190044
http://doi.org/10.1098/rstb.2019.0044.
Siehe auch: P. J. Fonseca, T. Correia; Effects of temperature on tuning of the auditory pathway in the cicada Tettigetta josei (Hemiptera, Tibicinidae). J Exp Biol 15 May 2007; 210 (10): 1834–1845. doi: https://doi.org/10.1242/jeb.001495.
×(i) Noch eine kurze Bemerkung zum Thema Störgeräusche: Das ist natürlich ein relativer Begriff. Wer legt eigentlich fest, welches Geräusch „stört“ und welches nicht? In einer Klanglandschaft gehört alles dazu, was Geräusche erzeugt, die im Spektrum des Aufnahmegeräts oder des Zuhörers liegen.
Aber wenn Sie sich die Aufnahme des Vogelgezwitschers von weiter oben anhören, werden Sie mir vielleicht zustimmen, dass das Flugzeug, das mitten in der Aufnahme „durch das akustische Bild fliegt“, durchaus als störend empfunden werden kann – ein Geräusch unserer technischen Zivilisation, das die natürliche Klanglandschaft des Tierreichs erheblich beeinträchtigt.
Ganz anders klingt die Aufnahme des Spaziergangs durch die Altstadt. Diese besteht praktisch nur aus Geräuschen unserer Zivilisation. Dennoch könnte man behaupten, dass die vielen Stimmen und auch das Fahrrad, das durch die Szene fährt, ästhetisch zur urbanen Klanglandschaft gehören und als solche wahrgenommen werden.
Wahrscheinlich würden Sie mir auch zustimmen, dass ein übersteuertes Motorrad oder ein Laubbläser in keiner Klanglandschaft gut aufgehoben sind und eher als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Ich würde das als Lärmverschmutzung bezeichnen.
In den meisten Fällen stört mich künstliches Licht, wenn ich nächtliche Landschaftsaufnahmen machen möchte. Doch manchmal kann man es in einer Landschaftsaufnahme auch ästhetisch einsetzen, um aus der Not eine Tugend zu machen. Vielleicht stimmen Sie mir zumindest teilweise zu, wenn Sie sich meine Galerie Artificial light at night ansehen.
×(i) Ein beeindruckendes Beispiel ist die menschliche Echoortung – die Fähigkeit, sich allein durch das Hören von Echos im Raum zu orientieren. Indem Menschen gezielt Geräusche erzeugen, etwa durch Stocktippen, Fußstampfen oder Mundklicks, können geübte Personen die reflektierten Schallwellen interpretieren und so Größe sowie Position von Objekten erkennen.
Besonders bekannt wurde diese Fähigkeit durch den Amerikaner Daniel Kish, der sie zur Perfektion gebracht hat. Obwohl er selbst blind ist, kann er sich mithilfe der Echoortung so präzise orientieren, dass er beispielsweise Fahrrad fährt. Kish ist außerdem Gründer und Präsident von World Access for the Blind, einer gemeinnützigen Organisation in Kalifornien, die blinde Menschen unterstützt und das öffentliche Bewusstsein für ihre Fähigkeiten stärkt.
Ed Yong widmet dieser außergewöhnlichen Sinnesleistung einen längeren Abschnitt in seinem Buch (Ed Yong: An Immense World, Vintage Penguin Random House 2023, S. 268f).